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Trockenheit und Dürre im Sommer 2022 – Versorgungssicherheit für Trinkwasser im Fokus

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Autor: Kathrin Mundt

Trockenheit und Dürre im Sommer 2022 – Versorgungssicherheit für Trinkwasser im Fokus
Prof. Norbert Jardin (r.), Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbands, und Bernd Heinz, Vorsitzender der AWWR, stellten gemeinsam den Ruhrgütebericht 2021 der Öffentlichkeit vor.

Ruhrverband und AWWR präsentieren die 49. Ausgabe des Ruhrgüteberichts

Durch die lange Dürre- und Trockenphase wird das Jahr 2022 voraussichtlich das 14. Abflussjahr in Folge mit unterdurchschnittlichen Niederschlägen sein. Für einen zukunftssicheren, klimaresilienten Betrieb des Talsperrensystems und die damit einhergehende Sicherheit der Trinkwasserversorgung ist es daher notwendig, die gesetzlich festgelegten Grenzwerte für den Mindestabfluss am Pegel Villigst und ab dem Pegel Hattingen anzupassen. Das unterstrichen Prof. Norbert Jardin, Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbands, und Bernd Heinz, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR), bei der gemeinsamen Vorstellung des mittlerweile 49. Ruhrgüteberichts am 20. September 2022 in Essen.

Zur Ermittlung geeigneter niedrigerer Mindestabflüsse wurden neben den wassermengenwirtschaftlichen Aspekten auch die Auswirkungen auf die Wassergüte sowie die Gewässerökologie betrachtet (Kapitel 10, Ruhrgütebericht 2021). Auf Basis der Simulationsberechnungen ist eine Absenkung der Grenzwerte im Ruhrverbandsgesetz auf 5,4 m³/s am Pegel Villigst bzw. auf 12 m³/s ab dem Pegel Hattingen erforderlich. „Die geringeren Abflüsse in Ruhr und Lenne verursachen gemäß den Ergebnissen der Untersuchungen keine gravierenden nachteiligen Effekte auf die Gewässergüte und die Gewässerbiozönose. Für eine Änderung des Ruhrverbandsgesetzes sind damit die ingenieurtechnischen und wissenschaftlichen Voraussetzungen geschaffen,“ unterstreicht Norbert Jardin eine wesentliche Erkenntnis aus dem Bericht.

Das außergewöhnliche Hochwasser im Jahr 2021 war eine weitere dramatische Auswirkung des Klimawandels. Tief Bernd brachte dem Einzugsgebiet der Ruhr vom Abend des 13. bis zum Nachmittag des 14. Juli 2021 im Mittel flächendeckend etwa 90 mm Niederschlag, im Raum Hagen waren es örtlich sogar mehr als 240 mm. Durch die hohen Niederschläge hat sich ein Sommerhochwasser entwickelt, das am 15. Juli 2021 am Ruhrpegel Hattingen einen Scheitelabfluss von 1.230 Kubikmeter pro Sekunde erreichte (Kapitel 1) und damit das höchste Hochwasser seit 1946 war. Ohne den immensen Rückhalt von Regenmengen in den Talsperren des Ruhrverbands wären die Überflutungen noch größer ausgefallen. Auswirkungen des Hochwassers auf die Wasserqualität in Bezug auf die chemischen Qualitätskomponenten konnten nicht festgestellt werden (Kapitel 8). Dies ist zum Teil den Verdünnungseffekten durch die großen Mengen an Niederschlagswasser, aber auch der schnellen Wiederinbetriebnahme der durch das Hochwasser beschädigten abwassertechnischen Infrastruktur zu verdanken. Nachhaltige Beeinträchtigungen der biologischen Qualitätsparameter und der Fischfauna konnten aufgrund unkritischer Konzentrationen und kurzen Expositionszeiten nicht beobachtet werden. Allerdings wurden durch die hohen Abflussgeschwindigkeiten in den Gewässern erhebliche Mengen an Treibgut und Sedimenten transportiert und umgelagert. An kritischen Stellen müssen Sedimente nun entfernt werden, um die hydraulische Leistungsfähigkeit der Gewässer wieder herzustellen.

Angesichts der spürbaren Effekte des Klimawandels wird auch der Ruhrverband seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. „Wir haben das Ziel, bis zum Jahr 2024 genau so viel elektrischen Strom aus erneuerbaren Energien selbst zu erzeugen, wie wir für die Erfüllung unserer Aufgaben benötigen“, erklärt Norbert Jardin. Im Jahr 2021 hat der Ruhrverband knapp 100 Gigawattstunden Strom für den Betrieb der fast 800 wasserwirtschaftlichen Anlagen verbraucht, davon stammen bereits rund 60 Gigawattstunden aus eigenen Blockheizkraftwerken, die Biogas aus der Schlammfaulung verstromen, Wasserkraftwerken und Photovoltaikanlagen. Mit der Übernahme der Wasserkraftwerke am Hengstey-, Harkotsee und am Wehr Stiftsmühle im Frühjahr dieses Jahres ist der Ruhrverband einer ausgeglichenen Strombilanz bereits an großes Stück nähergekommen. Der Essener Wasserverband verringert damit seine CO2-Emissionen und leistet angesichts der immens gestiegenen Energiekosten einen wichtigen Beitrag zu stabilen Abwassergebühren.

Im Rahmen der gewässerökologischen Untersuchungen an der Ruhr und ihren Nebengewässern im Jahr 2021 konnten 104 von 107 Messstellen im Hinblick auf den saprobiellen Zustand mit „gut“ oder „sehr gut“ bewertet werden (Kapitel 4, Ruhrgütebericht). Dies ist u.a. auf die hervorragenden Reinigungsleistungen der Ruhrverbandskläranlagen zurückzuführen. Die organischen Stoffe werden dabei zu 93 %, Phosphor zu 91 % und Stickstoff zu 75 % aus dem Abwasser entfernt. Damit sind die Reinigungsleistungen deutlich besser als im Bundesdurchschnitt. „Trotz der guten Reinigungsleistungen müssen wir den Gewässerschutz in den nächsten Jahren weiter vorantreiben. Unsere Pläne zum Aus- und Umbau der Kläranlagen, die in kleine, leistungsschwache Gewässer einleiten, werden dazu einen wesentlichen Beitrag leisten“, sagt Norbert Jardin.

Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR)

Auch in diesem Jahr steht die Versorgungssicherheit für das wichtige Gut Trinkwasser erneut im Fokus der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR) und in ihrem Beitrag zur gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Ruhrverband. Klimaresilienz und Energieversorgung für die Trinkwasserproduktion der 18 Mitgliedsunternehmen, die insgesamt rund 4,6 Mio. Menschen, Gewerbe und Industrie an der Ruhr verlässlich mit – im letzten Jahr rund 251 Mio. Kubikmetern – Trinkwasser von bester Qualität versorgen, sind hierbei die Kernthemen der Betrachtung.

Klimaresilienz

Die AWWR beschäftigt sich seit 2018 intensiv mit vorausschauenden Maßnahmen hinsichtlich des Klimawandels für die Ruhrwasserwerke, insbesondere mit der Verbesserung des Niedrigwassermanagements der Ruhr. Die extremen Dürrephasen in den letzten Jahren haben das Talsperren-Management auf harte Belastungsproben gestellt. Sondergenehmigungsverfahren zur Abflussreduzierung haben viel Zeit – und somit auch Wasser – gekostet, so auch in diesem Jahr.

Denn auch den Kapazitäten der Talsperren, die die Ruhr während der Trocken- und Hitzeperioden speisen und somit das Rohwasser für die Trinkwasserproduktion garantieren, sind Grenzen gesetzt und diese kostbaren Vorräte gilt es, sinnvoll einzusetzen. Die festgeschriebenen Mindestabflüsse der Ruhr an den Pegeln Villigst und Hattingen sind nicht mehr zeitgemäß und zu unflexibel. „Um klimaresilient aufgestellt zu sein, benötigt der Ruhrverband einen größeren Handlungsspielraum zur schonenden Bewirtschaftung der Talsperren als das Ruhrverbandsgesetz ihn momentan hergibt“, wiederholt Bernd Heinz, Vorsitzender der AWWR, die bereits erstmals vor drei Jahren gestellte Forderung.

Zuständig für die Sicherstellung der Trinkwasserversorgung durch eine angestrebte Anpassung des Ruhrverbandsgesetzes mit neuen zukunftsfähigen Niedrigwasserabflüssen sind der Ruhrverband und die AWWR, die ihre Erfahrungswerte und konkreten Maßnahmenvorschläge in die Runde eingebracht haben, und das Land Nordrhein-Westfalen, das die Entscheidungshoheit besitzt und sich seither in der Konzeptphase befindet.

Bestand im letzten Jahr die nun leider nicht erfüllte Hoffnung, die alte Landesregierung würde diesen wichtigen Prozess noch in ihrer Legislaturperiode in die Wege leiten, so bleibt jetzt der Appell an die neue Regierung und die Fachministerien, zügig zu entscheiden und einen neuen Rahmen für die Daseinsvorsorge zu setzen. „NRW muss schneller werden. Das nächste Extremereignis wartet nicht auf lange Behördenabstimmungen“, so Heinz zum jetzigen Umsetzungsstand. Und weiter: „Besser eine schnelle, pragmatische 95%-Lösung als das perfekte Modell in ferner Zukunft. Denn neben einer Energiekrise brauchen wir nicht auch noch eine Wasserkrise an der Ruhr.“

Neben Niedrigwassermanagement bzw. Ruhrverbandsgesetzesänderung stehen bei der AWWR weitere wichtige Punkte auf der Agenda, um sich den spürbaren Auswirkungen des Klimawandels entgegenzustellen. Hierzu gehören insbesondere seit dem fatalen Sommerhochwasser des letzten Jahres die Verstärkung des Hochwasserschutzes, der Ausbau von Verbundlösungen und ein selektiver Kapazitätsausbau einzelner Wasserwerke, da die vormals historischen Überkapazitäten angesichts des erhöhten Trinkwasserbedarfs und der neuen Rekord-Förderzahlen nicht mehr vorhanden sind. Des Weiteren wird an einer nochmals verstärkten Qualitätsüberwachung und Datentransparenz, dem professionellen Krisenmanagement und einer gegenseitigen Nothilfe zwischen den Mitgliedsunternehmen gearbeitet.

Die AWWR-Mitglieder investieren in diese Maßnahmen hohe Geld-, Personal- und Zeitressourcen und richten sich langfristig strukturell neu aus auf ihrem Weg in eine klimaresiliente Zukunft für die Trinkwasserversorgung.

Energieversorgung

Die AWWR-Mitgliedsunternehmen stehen von jeher für Umweltschutz und Nachhaltigkeit und arbeiten stetig daran, ihr Produkt Trinkwasser noch klimafreundlicher herzustellen. Dazu gehört an vorderster Stelle der Ausbau von erneuerbaren Energien. Bei der in vielen Ruhrwasserwerken erzeugten Wasserkraft bestehen keine weiteren Möglichkeiten, die Energiegewinnung zu maximieren. Die aktuellen Rahmenbedingungen für die Genehmigungserteilung für Windkraft stehen einem schnellen Handeln entgegen. Um den Strombedarf in den Wasserwerken in noch höherem Maße über selbsterzeugte, regenerative Energie zu decken, ist von daher der weitere Ausbau von Photovoltaik-Anlagen, kurz PV-Anlagen, in den Wasserwerken die zukunftsfähige Lösung.

Die meisten Ruhrwasserwerke sind bereits mit PV-Anlagen auf den Dachflächen der Betriebsgebäude ausgestattet, was in Zukunft noch weiter ausgebaut werden wird. Hierfür sind durch die neu gebauten „Weitergehenden Aufbereitungsanlagen“ (WAA) große, hervorragend geeignete Dachflächen entstanden bzw. entstehen noch. Bei der Wasserwerke Westfalen GmbH (WWW) z.B. wurden bereits in zwei Werken PV-Dachflächenanlagen auf der WAA installiert. Mit einer dieser 375 Kilowattpeak PV-Anlagen (peak = Spitzenleistung) können jährlich rund 350.000 Kilowattstunden CO2-freier Strom erzeugt werden.

Ein weiterer großer Schritt wird die Errichtung von selbstbetriebenen PV-Freiflächenanlagen auf den Wasserwerksgeländen sein, selbstverständlich im Einklang mit dem Gewässerschutz. Bei WWW ist die erste Freiflächenanlage ihrer Art in der Wasserschutzzone II im Wasserwerk Echthausen in Betrieb gegangen – ein wegweisendes Pilotprojekt, das bundesweit ein klares Zeichen für erneuerbare Energien in der Trinkwasserversorgung setzt. Der hier erzeugte Solarstrom wird im Werk zur Trinkwasserproduktion genutzt, geschätzt 700.000 Kilowattstunden pro Jahr.

„Freiflächenanlagen in der Wasserschutzzone II zur Eigenversorgung stellen beim aktiven Umbau der Stromversorgung die ‚Königsdisziplin‘ dar“, dazu das Statement von Bernd Heinz. „Derartige Genehmigungsfragen mit besonderen Anforderungen sind Neuland und ziehen einen langen, aufwändigen Prozess mit sich.“ Doch nun ist das Eis gebrochen und „mit gesetzlichen und politischen Vorrangregelungen sehen wir künftig weitere und schnellere PV-Projekte als realistisch an“, so Heinz weiter.

Mit Wasserkraft, Notstromaggregaten und der neuen Generation von PV-Anlagen gewinnen die Ruhrwasserwerke eine sehr hohe Energiesicherheit – wichtig gerade in der aktuellen Zeit.

 

Den Ruhrgütebericht 2021 können Sie hier herunterladen

(Quelle: Ruhrverband)

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