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Flussrevitalisierung: Experten fordern mehr Schutz und Förderung

Deutschlands Flüsse und Auen sind essenziell für Mensch, Natur und Artenvielfalt. Doch Klimawandel und zunehmende Nutzung bedrohen ihre Ökosysteme. Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) betonen die Bedeutung von Flussrevitalisierungen als langfristige Zukunftsinvestition. In einem neuen IGB Policy Brief fordern sie die Bundespolitik auf, Renaturierungsmaßnahmen stärker zu priorisieren und gemeinsam mit den Bundesländern gezielt zu fördern – insbesondere im Hinblick auf die Bundestagswahl 2025.

von | 19.02.25

Renaturierung Sande an der Lippe in NRW. Die Maßnahme wurde von der Bezirksregierung Detmold zusammen mit dem Planungsbüro NZO GmbH von 2020-2021 umgesetzt.
Quelle: Dr. Günter Bockwinkel NZO GmbH
Flussrevitalisierung
Forschende des IGB fordern die Bundespolitik auf, die Flussrevitalisierung als langfristige Zukunftsinvestition stärker zu priorisieren und gezielt zu fördern:
„Flüsse und Auen bieten uns Trinkwasserressourcen, natürlichen Wasserrückhalt und damit Hochwasserschutz, Schadstoffrückhalt und -umwandlung, Erholungs- und Freizeiträume sowie Fischereiressourcen. Um Flüsse in Deutschland resilienter zu machen, bedarf es aber verstärkter Anstrengungen bei ihrer Revitalisierung. Denn je naturnäher ein Fluss ist, desto größer ist seine Biodiversität und desto umfangreicher sind seine Ökosystemleistungen“, erläutert IGB-Forscherin Prof. Sonja Jähnig, Abteilungsleiterin am IGB und Mitautorin des IGB Policy Briefs. „Ein revitalisierter Fluss ist widerstandsfähigere gegenüber negativen Einflüssen – und leistet einen größeren Beitrag zur Abmilderung von Klimawandelfolgen.“

Großes Umsetzungsdefizit, starke Interessenkonflikte und dringender Handlungsbedarf

Gegenwärtig erreichen nur acht Prozent der Fließgewässer in Deutschland den von der Europäische Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) geforderten sehr guten oder guten ökologischen Zustand. Dabei müssten alle berichtspflichtigen Gewässer dieses Ziel bereits 2027 erreicht haben. „Das ist utopisch und zeigt, dass schon seit zwei Jahrzehnten ein großes praktisches Umsetzungsdefizit bei Verbesserungsmaßnahmen herrscht“, sagt Dr. Jörn Gessner, IGB-Forschungsgruppenleiter und Mitautor.
In 60 Prozent der Wasserkörper sei mit der Umsetzung der in den Bewirtschaftungsplänen vorgesehenen hydromorphologischen Maßnahmen bis 2020 noch nicht einmal begonnen worden. „Die Ursachen dafür sind lange und gut bekannt: Es fehlt vor allem an Geld, Personal und Flächen. Zudem gibt es Interessenkonflikte mit anderen Politikfeldern wie zum Beispiel Landwirtschaft, Verkehr und Energie. Deshalb reicht das Wasserrecht allein nicht aus, um diese Probleme zu lösen“, erläutert Jörn Gessner. Nach vielen Jahren der ausführlichen Diagnose sollte daher nun die Lösung konkreter praktischer Probleme und Zielkonflikte im Vordergrund stehen, empfehlen die Forschenden.

Angemessene Ressourcen, effizientere Prozesse und gesunder Pragmatismus

Grundvoraussetzung für schnellere und effizientere Fließgewässerrevitalisierungen sei eine offizielle Priorisierung mit klaren Zielvorgaben und ausreichenden Ressourcen. Zudem müssten auch die komplexen und langwierigen Abläufe in der Genehmigungs- und Umsetzungspraxis effizienter gestaltet und möglichst vereinheitlicht werden, ohne dabei die Besonderheiten der Flusseinzugsgebiete aus den Augen zu verlieren.
Neben der Anpassung der Verfahrensregelungen erfordere dies auch einen Kulturwandel hin zu progressiverem, pragmatischerem Verwaltungshandeln und stärkerem Austausch mit Wissensträger*innen und Interessenvertreter*innen, wie z. B. Schutz- und Nutzungsverbänden, um Fach- und Praxiswissen besser zu integrieren. Eine konstruktive Fehlerkultur statt des alleinigen Primats auf absoluter Rechtssicherheit würde wertvolles Wissen zur Flussrevitalisierung schaffen und zukünftige Umsetzungen verbessern helfen. Ziel- und Interessenskonflikte könnten entschärft oder gar aufgelöst werden, wenn bei Revitalisierungen verstärkt auf multifunktionale Ansätze mit Synergieeffekten gesetzt würde, die mehrere Ziele und Interessen gleichzeitig abdecken.
„Kontraproduktiv ist dagegen die politische Unterstützung und Priorisierung von ökologisch sehr schädlichen Flussnutzungen, wie zum Beispiel kleinen Wasserkraftanlagen, die keinen wesentlichen Beitrag zur Energiewende und Energiesicherheit leisten. Solche Fehlanreize sollten vom Gesetzgeber in der neuen Legislaturperiode dringend neu bewertet werden“, erläutert Dr. Christian Wolter, IGB-Forschungsgruppenleiter und ebenfalls Mitautor. „Gleiches gilt für Baumaßnahmen an als Wasserstraßen eingestuften Flüssen, die viel kritischer auf ihre Notwendigkeit geprüft und in deren Kosten-Nutzen-Bilanz schädliche ökologische Effekte viel transparenter dargelegt werden müssten.“

Flussrevitalisierung vorantreiben und politische Initiativen fortführen

Das vom Bundesumweltministerium vorbereitete und von der Ampel-Koalition beschlossene Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz (ANK), das auch Maßnahmen zu Gewässerrevitalisierungen enthält, ist aus Sicht der Forschenden ein Schritt in die richtige Richtung und sollte konsequent, ambitioniert und finanziell gut ausgestattet fortgeführt werden.
Die im Jahr 2024 verabschiedete EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (Nature Restoration Law, NRL), die u.a. 25.000 km neu frei-fließende Flüsse in Europa vorsieht, sollte im politischen Raum viel stärker als Chance denn als Hürde verstanden werden. Als größte Volkswirtschaft innerhalb der EU sollte Deutschland diese Chance ergreifen und ambitioniert zu diesen Zielen beitragen.
 Dieses Engagement sollte nicht nur als Kostenfaktor, sondern vielmehr als zielgerichtete Investition verstanden werden: „Wasser und Gewässer sind strategische Ressourcen und Flussrevitalisierungen ein wichtiger Teil eines zukunftsorientierten, nachhaltigen Wasser- und Gewässermanagements. Die verstärkte Revitalisierung von Flüssen und Auen kann zudem auch wirtschaftliche Impulse geben und einen neuen nachhaltigen Markt etablieren – ähnlich, wie es im Bereich der Erneuerbaren Energien geschehen ist“, erklärt Christian Wolter. Dieses innovative Know-how berge auch internationales Export- und Wertschöpfungspotenzial.

Quelle: IGB – Leibniz Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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