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“Bedarfsprognosen sind der Schlüssel für eine sichere Wasserversorgung”

Weltweit geraten Wasserressourcen zunehmend unter Druck, während sich zugleich Bedarf und Nutzungsverhalten spürbar wandeln – auch in Deutschland. Welche Folgen hat das für die langfristige Versorgungssicherheit? ISOE-Wasserforscher Stefan Liehr ordnet aktuelle Entwicklungen ein und gibt Einblicke in Prognosen und zukünftige Planungsstrategien.

von | 17.03.26

Weltweit geraten Wasserressourcen zunehmend unter Druck, während sich zugleich Bedarf und Nutzungsverhalten spürbar wandeln.
Quelle: AdobeStock/Sphinx/Wirestock Creators
Wasserbedarf; Bedarfsprognose

Häufige Wechsel von Dürre und Feuchtigkeit, sinkende Grundwasserstände und konkurrierende Nutzungsansprüche, etwa durch landwirtschaftliche Betriebe oder wasserintensive Industrien, machen es Wasserversorgern in einigen Regionen Deutschlands besonders schwer.

Stefan Liehr: Das stimmt. Aber man muss wissen: Schwankungen in der Verfügbarkeit von Wasser sind an sich nicht neu. Unsere Wasserversorgung ist darauf ausgelegt, trotz dieser üblichen Schwankungen eine stabile Versorgung mit Trinkwasser zu gewährleisten. Das hat sie bisher auch erfolgreich geleistet. Neu sind extreme Bedingungen wie im Dürresommer 2018, die Versorger teilweise an ihre Grenzen bringen. Und weil Hitzetage häufiger werden, stehen die Wasserversorger tatsächlich vor großen Herausforderungen. Es steigt dann ja nicht nur der Wasserbedarf für die Haushalte. Hinzu kommt, dass wir – zum Glück – mehr städtisches Grün haben, das die klimatischen Bedingungen und damit die Lebensqualität in Städten gerade im Sommer erhöht, aber natürlich auch bewässert werden muss. Ebenso wächst der Bewässerungsbedarf in der Landwirtschaft.

Das klingt anspruchsvoll.

Stefan Liehr: Ja, aber die Wasserbedarfssituation ist sogar noch komplexer. Wir sehen, dass der jahrzehntelange Trend zu weniger Verbrauch in Deutschland rückläufig ist. Deutschland galt als Weltmeister im Wassersparen, und tatsächlich ist der tägliche Verbrauch pro Kopf von etwa 150 Litern im Jahr 1990 auf heute rund 120 Liter zurückgegangen. Doch die technischen Möglichkeiten zum Wassersparen sind jetzt weitgehend ausgereizt. Wassersparende Armaturen etwa gehören heute überall zur Grundausstattung. Gleichzeitig gibt es neue Bedarfe, die wir so gar nicht kannten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Stefan Liehr: Seit der Corona-Pandemie haben mehr Menschen einen Pool im eigenen Garten. Hinzu kommen Umbrüche in der Wirtschaft. Es werden immer mehr Rechenzentren benötigt, die Kühlung brauchen. Hierfür wird teilweise Wasser eingesetzt. In der Industrie wird zudem die Kreislaufführung immer wichtiger, hier deuten sich Entlastungen an. Und auch die Energiewirtschaft ist im Wandel, weg von Kraftwerken mit ihrem Kühlwasserbedarf, hin zur Wasserstoffproduktion. Wir müssen also neu abschätzen, wie diese Veränderungen und Umbrüche auf die Wasserressourcen und die Wassernutzung wirken.

Wie können die Wasserversorger trotz dieser Dynamiken eine sichere Versorgung gewährleisten?

Stefan Liehr: Um eine stabile Wasserversorgung aufrechtzuerhalten, braucht es zwingend Planungssicherheit. Für die Wasserversorger ist es zentral, die vorhandenen Ressourcen und auch die Bedarfe möglichst genau zu kennen. Hierfür benötigen sie fundierte Schätzungen. Zugleich müssen sie wissen: Mit welchem Korridor der Unsicherheit haben sie es zu tun? Das ist für ein nachhaltiges Management der Ressourcen und auch für die optimale Auslegung der Infrastruktur entscheidend. Die gesamte Organisation der Wasserversorgung, ihre Wirtschaftlichkeit und Effizienz hängen letztlich von dieser Planungssicherheit ab.

Herr Liehr, Sie berücksichtigen in Wasserbedarfsprognosen viele Faktoren, um komplexe Einflüsse in Ihren Prognosemodellen verlässlich abzubilden – klimatische, soziale, wirtschaftliche und demografische. Welche Faktoren werden in der öffentlichen Wahrnehmung bislang unterschätzt? Welche machen die Bedarfssicherung besonders schwierig?

Stefan Liehr: Faktoren aus all diesen genannten Bereichen sind wichtig, um den aktuellen Wasserbedarf zu verstehen und seine zukünftige Entwicklung abschätzen zu können. In der öffentlichen Wahrnehmung wird möglicherweise noch unterschätzt, wie stark der Faktor Klimawandel auf den Wasserbedarf wirkt, gerade in heißen Sommermonaten, und wie sehr dies zu Nutzungskonflikten führt. Zwar können wir die Einflüsse des Klimas auf den Bedarf relativ gut nachvollziehen, aber es bleiben Unsicherheiten. Was wir nur bedingt vorhersagen können, ist die Bevölkerungsentwicklung aufgrund geopolitischer Krisen oder welche Rolle die Regenwassersammlung künftig als Entlastung für die Trinkwasserversorgung spielen wird. Erhebliche Unsicherheiten bestehen aber auch auf der Ressourcenseite: Wie entwickelt sich die Wasserverfügbarkeit langfristig?

Worin besteht die Unsicherheit bei der Verfügbarkeit?

Stefan Liehr: Zum Beispiel ist der Trend der Niederschlagsentwicklung nur sehr schwer vorhersehbar. Die Klimaforschung arbeitet daher mit Ensembles verschiedener Modelle, um Abschätzungen für die Zukunft zu machen. Es kann durchaus sein, dass sich daraus für eine Region im Mittel eine sogar leicht steigende Verfügbarkeit erwarten lässt. Doch vor dem Hintergrund des Vorsorgeprinzips müssen wir auch die Modelle ernst nehmen, die sinkende Verfügbarkeiten vorhersagen. Mittelwerte alleine sind nicht als Risikoabschätzung geeignet.

Welche Rolle spielen Bedarfsprognosen heute für die Verfügbarkeit ausreichender Wassermengen?

Stefan Liehr: Bedarfsprognosen werden aufgrund der genannten Unsicherheiten für die Kommunen immer wichtiger. Und sie werden immer besser, da die Datenlage und die Methoden sich verbessern. Wir erreichen heute mit den vorhandenen Daten zu sozioökonomischen, siedlungsstrukturellen oder technischen Faktoren einen hohen Detailierungsgrad, auch räumlich bis hinein in Stadtteile oder Quartiere. Doch verbleiben natürlich grundlegende Unsicherheiten, zum Beispiel durch die Bevölkerungsentwicklung, den Klimawandel oder auch durch Maßnahmen, die die Wassernutzung effizienter machen. Derartige Unsicherheiten werden durch Szenarien repräsentiert. Szenarienbasierte Bedarfsprognosen sind somit der Schlüssel für eine sichere Wasserversorgung der Zukunft. Vor allem, weil sie auch bislang ungenutzte Chancen aufzeigen.

An welche Chancen denken Sie?

Stefan Liehr: Es ist spannend zu sehen, dass die Potenziale der Substitution oft unterschätzt werden, also die Verwendung unterschiedlicher Wasserqualitäten für verschiedene Bedarfe. Ein Beispiel: Wenn im Durchschnitt ein Drittel unseres täglichen Trinkwasserverbrauchs für die Toilette und den Garten aufgewendet wird, ist es naheliegend, auf einen konsequenten Ausbau der Regenwassersammlung mit Zisternen zu setzen, um den Trinkwasserbedarf zu reduzieren. Die Substitution von Trinkwasser ist eine Chance für einen nachhaltigen Umgang mit dieser wertvollen Ressource. Denn wir müssen uns klarmachen, dass die Konkurrenz um die Wasserressourcen wachsen wird.

Was verstärkt die Konkurrenz um die Wasserressourcen?

Stefan Liehr: Da ist einmal das Konfliktpotenzial zwischen Landwirtschaft, Industrie und privaten Haushalten. Aber auch unsere Städte, die perspektivisch als Anpassung an den Klimawandel grüner werden müssen, verursachen zusätzliche Bedarfe etwa für die Bewässerung von Bäumen und Parks. Auch deshalb sind modellbasierte Abschätzungen wichtig. Weil sie Klarheit über solche Zusammenhänge liefern. Sie bieten die Chance, frühzeitig zu erkennen, wo die Stellschrauben und Gestaltungsmöglichkeiten für die Versorgungssicherheit liegen. Das senkt nicht nur Risiken, sondern erhöht die Resilienz der Wasserversorgung und spart zudem Kosten. Weil Probleme gelöst werden, bevor sie sich verschärfen.

Wie stellen Sie sicher, dass die Prognosemodelle bei all den Dynamiken auch über Zeiträume von 20 bis 40 Jahren robust bleiben?

Stefan Liehr: Damit Wasserbedarfsprognosen über längere Zeiträume belastbar sind, arbeiten wir mit unterschiedlichen Komponenten und beziehen gezielt auch Unsicherheitsfaktoren in die Berechnungen mit ein. Im „Werkzeugkoffer“ für die Analysen befinden sich die bereits erwähnten Szenarien, aber auch Korridore für Trocken- und Nassjahre sowie ein Sicherheitskorridor für Unvorhergesehenes. Außerdem binden wir Experten aus der Praxis zur Bewertung der Unsicherheiten mit ein sowie Akteure aus Politik und Wirtschaft, um die Auswirkungen von Transformationen in Industrie- oder Siedlungsräumen mit zu berücksichtigen.

Die Wasserforschung am ISOE entwickelt neben Wasserbedarfsanalysen auch Managementempfehlungen für die strategische Ausrichtung der Wasserversorgung. Wie muss man sich das vorstellen?

Stefan Liehr: Wir entwickeln kommunale oder teilräumliche Wasserkonzepte ebenso wie Masterpläne. Zum Beispiel haben wir den Masterplan für die sichere Wasserversorgung im Saarland mitentwickelt. Dabei handelt es sich um umfassende Strategiedokumente, die über die Abschätzung der Wasserbedarfsentwicklung hinausgehen und alle relevanten Aspekte der Wasserversorgung berücksichtigen. Dazu gehören auch Risikoanalysen von Stoffeinträgen und die Entwicklung von Infrastrukturbedarfen.

Wie können Sie sicherstellen, dass ihre Strategieempfehlungen auch in der Praxis wirkungsvoll sind?

Stefan Liehr: Zentral für den Erfolg ist, dass diese Strategien und die damit verbundenen Empfehlungen in einem gemeinsamen Prozess mit den Wasserversorgungsunternehmen, den Kommunen und Behörden entstehen. So wird gewährleistet, dass die Empfehlungen von allen Beteiligten mitgetragen werden. Das erhöht die Wirksamkeit der empfohlenen Maßnahmen. Mehr noch, wir sehen, dass schon der Prozess der gemeinsamen Erarbeitung wichtige Lernschritte auslöst und wichtige Voraussetzungen für die Umsetzung schafft. Wir sehen immer wieder, dass diese intensive Zusammenarbeit wirklich ein bedeutsamer Mehrwert ist. Allen Beteiligten wird nämlich schnell klar, wo Prioritäten liegen und welche Managementstrategien wie greifen müssen, damit die Trinkwasserversorgung in der Gemeinde, der Stadt oder dem Bundesland langfristig sicher bleibt.

Dr. Stefan Liehr ist Physiker und leitet am Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) den Bereich Sozial-ökologische Systeme. Seit 2023 ist Stefan Liehr Mitglied der Institutsleitung.

Quelle: ISOE

Bildquelle, falls nicht im Bild oben angegeben:

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